Imec Technology Forum

Präzisionsmedizin

5. Oktober 2016, 11:04 Uhr | von Jan Provoost

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Smartphones als Healthcare-Schlüsseltechnologie

Peter Piot, Director der London School of Hygiene and Tropical Medicine, präsentierte das Konzept der »globalen Gesundheit«: »Ereignisse, die tausende von Kilometern entfernt stattfinden, können Ihren Gesundheitszustand hier beeinflussen. Beispiele wie die Ebola- und Zika-Epidemien sollten uns eine Warnung sein, dass lokale und globale Ereignisse stärker verwoben sind als je zuvor. Lokale Ausbrüche von Infektionskrankheiten können sich zu ernsten globalen Krisen entwickeln.«

Er appellierte an das Publikum, Innovationen zu beschleunigen, wobei er den dringenden Bedarf an diagnostischen Schnelltests für Infektionskrankheiten anmahnte. Ein Paradebeispiel für die Präzisionsmedizin sei ein neuer Schnelltest für Malaria, der es Ärzten erlaube, Medikamente nur Patienten zu geben, die sie wirklich benötigten – alle anderen müssten dann nicht »auf Verdacht« die Nebenwirkungen durchleiden.

Peter Piot erklärte: »Es mag überraschend klingen, doch könnte die Anwendung neuer Technologien in ärmeren Ländern schneller vonstatten gehen. Selbst in Gegenden in Afrika, in denen es keine zuverlässige Stromversorgung gibt, nutzen die meisten Menschen Mobiltelefone. In Kombination mit Gesundheits-Apps werden diese zur Schlüsseltechnologie für das Gesundheitswesen. Außerdem fehlen in diesen Ländern alteingesessene medizinische Strukturen, die sich neuen Technologien und Wandel widersetzen, wie dies in reicheren Gegenden häufig der Fall ist.«

Neue kreative Ansätze sind gefragt

Hans Hofstraat von Philips Research rief seine Kollegen dazu auf, sich auf den Nutzen der Technologie zu besinnen und weiter zu beweisen, dass »unsere Innovationen ihre Aufgabe erfüllen.« Bei Philips liege der Fokus eindeutig auf der Prävention und der Erhaltung der Gesundheit. Hofstraat berichtete von seinem Besuch in Indonesien, wo es zu wenig Mediziner und Pflegepersonal gebe. Sein Unternehmen stellte dort einen Rucksack für Sozialarbeiter vor, mit dem sie schwangere Frauen untersuchen können. Der MOM (Mobile Obstetrics Monitoring) genannte Rucksack enthält ein einfach anwendbares Ultraschallgerät und ermöglicht die Diagnose der werdenden Mütter sowie die Identifizierung möglicher Geburtsrisiken. Hierbei handelt es sich um eine Präventivmaßnahme, doch kann die Erkennung von Risiken in einem Land, in dem die meisten Kinder zuhause und ohne Ärzte geboren werden, einen großen Unterschied ausmachen.

Fragen und Sorgen

Teilnehmer des Panels (v.l.n.r.): Moderator Chris Van Hoof, Director Wearable Health¬care bei Imec; Peter Piot, Director London School of Hygiene and Tropical ¬Medicine; Kristoffer Famm, VP Bioelectronics R&D bei GlaxoSmithKline; Hans Hofstraat, VP H
Teilnehmer des Panels (v.l.n.r.): Moderator Chris Van Hoof, Director Wearable Healthcare bei Imec; Peter Piot, Director London School of Hygiene and Tropical Medicine; Kristoffer Famm, VP Bioelectronics R&D bei GlaxoSmithKline; Hans Hofstraat, VP Healthcare Strategic Partnerships bei Philips Research; Liesbeth Lagae, Program Director Life Science Technologies bei Imec.
© IMEC

Im Anschluss an die Vorträge beantworteten die Referenten Fragen des Publikums. Moderator Chris Van Hoof fasste einen großen Teil der Fragen zusammen unter: »Bis heute hat jede neue Technologie die Kosten des Gesundheitswesens erhöht. Wird das diesmal anders sein?«

Kris Famm gab zu, die Antwort sei nicht offensichtlich. »Doch finden sich so viele uneffiziente Bereiche im System, dass es möglich sein sollte, Gelder umzuleiten.« Hans Hofstraat gab zu Bedenken, sein Unternehmen führe Gespräche mit Behörden zum Thema Kosten und dass neue Technologie tatsächlich häufig höhere Kosten erzeuge. »Als Unternehmen sollte man sich jedoch auf Behandlungsergebnisse konzentrieren und Behörden von positiven Ergebnissen überzeugen – auf die Verbesserungen, die das Produkt ermöglicht.«

Liesbeth Lagae von Imec konstatierte, die extrem teuren diagnostischen Scanner verfälschten die Kostendebatte. Eine neue Generation miniaturisierter Elektronik soll jedoch diese kostspieligen Instrumente ersetzen und sie günstiger näher an den Patienten bringen. Peter Piot fügte an, Präzisionstechnologie erlaube es prinzipiell, teure Medikamente nur jenen Patienten zu verabreichen, die sie tatsächlich benötigten. Er warnte jedoch vor der Gewohnheit vieler Mediziner, sich dem Wandel und der Innovation entgegenzustemmen und z. B. entgegen besseren Wissens wirkungslose Arzneien zu verschreiben.

Ein ähnliches Thema ist die Frage, wie die langfristigen Vorteile von Prävention und früher Diagnose gegen die anfänglichen Ausgaben zu gewichten seien. Die Mehrheit der Referenten wies auf die großen Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern hin. Einige seien bereit, die Kosten der Prävention zu tragen, weil sie sich Vorteile versprächen. Die Mehrzahl der Länder sei jedoch nicht bereit, in Prävention zu investieren. Hofstraat erläuterte: »Nach unserer Vorstellung gilt es, die Menschen so lang wie möglich gesund zu erhalten, unter anderem mit Präventivmaßnahmen. Dies ist für viele Staaten immer noch eine schwierige Vorstellung.«

Moderator Van Hoof hoffte auf den Blick in die Zukunft mit der Frage: »Wann wird Präzisionsmedizin alltägliche Praxis?« Piot wies darauf hin, dass die Onkologie hier Vorreiter sei, denn bei Krebsdiagnose und -behandlung käme Präzisionsmedizin bereits zum Einsatz. Seine Sorge ist jedoch, »dass Regierungen und Kontrollbehörden den Wandel verlangsamen könnten, da sie Innovationen eher zögerlich gegenüberstehen«. Hofstraat erweiterte die Frage darauf, wann Präzisionsmedizin für jeden zur Verfügung stehen wird, was heute noch nicht der Fall ist. Zusammenfassend erklärte Famm, eine Voraussetzung für den Erfolg der Präzisionsmedizin sei, dass die Patienten das Gefühl bekämen, ihre Behandlung sowie deren Ergebnis selbst steuern zu können, so dass sie es als »ihre eigene, persönliche Behandlung« ansähen.

Über den Autor:

Jan Provoost ist Science Editor bei Imec.


  1. Präzisionsmedizin
  2. Smartphones als Healthcare-Schlüsseltechnologie

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

IMEC vzw