Kommentar: Digitalisierung der Medizin

Der Text sitzt, die Choreographie noch nicht ganz

14. Juni 2018, 13:52 Uhr | Melanie Ehrhardt
Melanie Ehrhardt, Redakteurin medical design
Melanie Ehrhardt, Redakteurin Medizin+elektronik
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Reden statt Handeln, das ist das bisherige Muster, wenn es um die Digitalisierung der Medizin geht. Das wird mit der Zeit nicht nur langweilig, sondern katapultiert Deutschland auf die hinteren Ränge im internationalen Vergleich. Entwicklungen gibt es genug und wir sollten sie endlich nutzen können.

Es ist wahrscheinlich für keinen Sänger leicht, auch im Jahr 2018 seine größten Hits der 80er Jahre abzuspulen. So gerne würde man auch mal die neuen Sachen zum Besten geben. Kritikern und Fans zeigen, dass man sich in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. Aber was soll man machen; der Text sitzt und das Publikum will es nun mal. So oder so ähnlich muss es Rednern gehen, die selbst auf einer Cebit über die Chancen der Digitalisierung der Medizin referieren.

Es ist der altbekannte Hit:

„Wir machen die Medizin damit intelligenter, persönlicher und für jeden bezahlbar. Der Schlüssel dazu ist das, was schon heute in gigantischen Mengen vorliegt: Gesundheitsdaten. Damit jedoch aus Big Data Smart Data wird, bedarf es intelligenter Algorithmen, die darin Muster erkennen und Krankheitsverläufe vorhersagen. Im besten Fall lange bevor sie entstehen.“

Schon heute ein Evergreen.

Das Problem ist nur, in der Zeit in der Deutschland den Text lernt, nehmen andere Länder schon längst ihr drittes Album auf. „Während Deutschland noch diskutiert, sind andere schon deutlich weiter“, sagte auch Stefan Muhle, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, auf dem diesjährigen Digital Health Summit im Rahmen der Cebit (11. – 15. Juni 2018) in Hannover. Er wandte seinen Blick vor allem auf China. Das Land und insbesondere die Region Shenzhen haben sich in den letzten Jahren zur Hochburg für Big Data und Künstliche Intelligenz entwickelt. Davon konnte sich zuletzt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch Ende Mai überzeugen. „In fünf bis zehn Jahren werden sie über einen Datenschatz verfügen, den wir, wenn wir uns nicht beeilen, nicht mehr einholen können“, mahnte Muhle.

Eine digitale Akte kann niemals eine Karte sein

Wer wissen will, was Digital Health heißt, muss allerdings gar nicht so weit weg fliegen. Es reicht ein Wochenendausflug in unsere europäischen Nachbarländer. Vor allem Norwegen und Island sollen um diese Jahreszeit – was Digitalisierung betrifft – sehr schön sein. Mit etwas Glück nimmt man als Souvenir eine digitale Patientenakte mit nach Hause. Wo wir auch schon bei der zweiten Strophe unseres Klassikers wären.

Denn selbst nach 14 Jahren und einer Milliarde Entwicklungskosten enthält die derzeitige Lösung kaum mehr Informationen als der herkömmliche Personalausweis. Das ist nicht nur unverständlich, sondern für ein hochentwickeltes Land wie Deutschland, das eigentlich Vorreiter sein möchte, schlichtweg peinlich. Da hilft es auch recht wenig, dass der aktuelle Gesundheitsminister die Arbeit seiner Vorgänger in Frage stellt, selbst aber kaum neue Ideen dafür hervorbringt. Und während Spahn noch überlegt, wie es weitergehen soll, legen andere fertige Konzepte vor. Erst im April kündigte die Techniker Kasse den Start ihres Systems „TK Safe“ an. Mit Vivy steht sogar eine die erste systemübergreifende Patientenakte in den Startlöchern.

Dabei sagt schon der Name, dass eine digitale Patientenakte niemals eine Chipkarte sein kann. „Für uns war klar, dass der Zugang über eine App laufen muss“, sagte TK-Chef Dr. Jens Baas in Hannover. Mit Blick auf die Apps der anderen Kassen oder privater Anbieter, warnte er jedoch davor, dass das in einem Konkurrenzkampf ausartet, an dessen Ende 20 verschieden Lösungen am Markt erhältlich sind. „An dieser Ecke müssen wir in eine Richtung argumentieren“, so Baas abschließend – also eine Band statt diverse Solokünstler. Das macht zumindest die Choreographie interessanter.

 


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