Digitale Therapie

Neue Hilfe bei Asthma & COPD

25. Oktober 2018, 15:57 Uhr | Marianne Seyffertitz (Vision

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Über die digitalen und geografischen Grenzen hinaus

Bislang fokussieren sich viele Apps auf Diabetes und Herzkrankheiten. Livongo aus Mountain View treiben Verhaltens­änderungen von Diabetes-Patienten durch die Kombination von Consumer-Health-Technologie, personalisierten Empfehlungen und Echtzeit-Support am Ort der Wirkung voran. Glooko aus Palo hat die Diabetes-Management-Lösung »diasend« entwickelt. Und auch Google und der französische Pharma-Riese Sanofi schlossen ein Joint Venture namens »Onduo«, um die Brücke zwischen Medizin und Daten im Bereich Diabetis zu schlagen, während Welldoc, die für Patienten mit Diabetes Typ 2 mit ihrem In-App-Coach »BlueStar« klinische Unterstützung bieten, Partnerschaften mit Samsung und dem US-Pharmakonzern Johnson&Johnson schloss. Die Nachfrage nach solchen Lösungen in den USA ist kein Wunder, denn der Markt für Diabetiker dort ist groß. Ein europäisches Paradebeispiel aber ist die Diabetes-App »mySugr«: Auch das Wiener Start-up hat es sich zum Ziel gesetzt, Diabetes Management einfacher zu gestalten – bisher mit großem Erfolg.

Inhalationstherapie besser im Griff dank App

»Großer Bedarf für einen digitalen Wandel besteht vor allem bei der Behandlung von chronisch erkrankten Patienten sowie bei spezifischen Gesundheitsleistungen für Ältere«, sagt Dr. Sabine Häußermann, CEO von Vision Health. Darüber hinaus seien die Nutzung digitaler Potenziale bei den Themen Diagnose und Schulungen von Personal sehr wichtig. Häußermann weiß, wovon sie spricht, denn sie ist im Bereich Digital Healthcare und der Telemedizin zu Hause. Bevor sie ihr Unternehmen gründete, arbeitete sie als Ingenieurin über 20 Jahre in der Forschung und Entwicklung von inhalativen Therapeutika und setzte sich in dieser Zeit intensiv mit der Therapie von Lungenerkrankungen auseinander. Mit »Kata« hat sie eine App entwickelt, die Patienten mit pneumologischen Erkrankungen dabei unterstützt, ihre Inhalationstherapie effektiv zu nutzen und dadurch ihre Symptome in den Griff zu bekommen.

Noch in diesem Jahr soll Kata in allen App-Stores auf Deutsch verfügbar sein. (© Vision Health)

 

Dazu bedient sich die App modernster Technologien wie Augmented Reality, Künstlicher Intelligenz, Machine Learning und Computer Vision und gibt dem Patienten Rückmeldung zu seinem Inhalationsmanöver, ohne dass ein medizinischer Experte vor Ort oder per Ferndiagnose unterstützen muss. »Es geht darum, den Patienten neue Lebensqualität zu verschaffen«, so Häußermann. Wenn Ärzte aus Zeitmangel die Patienten nicht ausreichend im Gebrauch schulen können, dann muss eben eine App helfen, die dazulernt und dem Patienten Feedback gibt.

Zusätzlich ist neben Sport in Maßen, der richtigen Ernährung und Impfung sowie gleichzeitigem Verzicht auf ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen nicht zuletzt die Therapietreue entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Die regelmäßige Einnahme von Dauermedikamenten ist auch dann von hoher Bedeutung, wenn die Belastung nicht akut ist. Studien zeigen, dass allein Adhärenzmanagement in der inhalativen Therapie den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst und die Lebensqualität erhöht. »Deshalb stellt Kata auch ein Inhalations-Tagebuch zur Verfügung«, betont Häußermann. Durch Adhärenz-Management und gleichzeitig gezielter Schulung von Patienten wird die Therapie von COPD effektiver, der Krankheitsverlauf stabiler, die Patienten benötigen weniger Medikation, weniger Krankenhausaufenthalte und Notfallversorgung, und zu guter Letzt können die Kosten des Gesundheitswesens gesenkt werden.

Hürden für den flächendeckenden Einsatz

Doch Gesundheits-Apps helfen nicht nur einzelnen Patienten, sondern tragen auch zur Behandlungstherapie der Zukunft bei. Im Falle der COPD-App werden heutige anonyme Einblicke über die Anwendung und gleichzeitig den Nutzen der Therapien zukünftigen Patienten zu einer effektiveren und besseren Anwendung verhelfen. Grundlagenforschung kann diese Ergebnisse auswerten und in Neuentwicklungen einfließen lassen. Auch können bereits existierende Therapien neu bewertet werden. Langfristig werden Apps sogar in der Lage sein, die Anzeichen von Exazerbationen zu erkennen. Frühzeitiges Eingreifen kann dann Krankenhausaufenthalte verhindern oder wenigstens abmildern.

Die so gewonnen Daten könnten auch internationale Herausforderungen wie geografische Entfernung, verschiedene Zeitzonen, eventuelle Sprachbarrieren oder auch regionale Qualitätsunterschiede von Behandlung und Therapie überwinden. Ihr Vorteil: Technologisch steht ihnen für einen länder- oder kontintentübergreifenden Erfolg nichts im Wege. Hürden stellen sich den entwickelnden Unternehmen allerdings hinsichtlich der Einbindung der Anwendungen in nationale Systeme. Jede Region und jedes Land verfügt über individuelle, zum Teil auch digitale Gesundheitsakten, Formate und Datenbanken. Zudem kommen überall unterschiedliche Gesetzte und Regularien zum Tragen.

Digitale Gesundheitslösungen sind weniger kostenintensiv und leichter zu implementieren als analoge Lösungen. Sie sind heute vor allem in Ländern zu finden, die weniger strengen Regularien unterliegen oder unter einem intensiveren Kostendruck leiden. Insbesondere in Ländern mit geringer Ärztedichte, beispielsweise durch hohe Migration oder einer allgemein geringen Bevölkerungsdichte, sind solch effiziente Methoden dringend nötig.

Aber auch in Ballungszentren, wo ein zeitnaher Termin in Ärztesprechstunden zur Rarität geworden ist, ist der Nutzen einer Ergänzung des bestehenden Versorgungssystems durch digitale Gesundheitslösungen unbestreitbar.

Dieser Beitrag stammt aus der Medizin+elektronik Nr. 5 vom 10.09.2018. Hier geht’s zur vollständigen Ausgabe.

 


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