Weniger Ökonomie, mehr Medizin

Lauterbach stellt neues Krankenhauskonzept vor

6. Dezember 2022, 13:20 Uhr | Ute Häußler, mit Material von dpa
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Prof. Dr. Karl Lauterbach will sich in seiner verbleibenden Amtszeit voll auf die Umsetzung des neuen Krankenhauskonzeptes konzentrieren.
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»Das jetzige System hat eine Tendenz zu billiger Medizin,« sagt Karl Lauterbach und nennt die Fallpauschalen das größte Problem der Kliniken. Genau hier setzt die neue Großreform an, die für Patienten und medizinisches Personal Verbesserungen bringen soll.

»Egal wie aufwendig der Fall behandelt wird, egal, wo er behandelt wird, ob er gut behandelt wird oder nicht so gut behandelt wird«, der Betrag bleibe der selbe, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bei der Vorstellung des neuen Krankenhauskonzeptes in Berlin. Als Ergebnis kämen die Kliniken in «ein Hamsterrad», möglichst viele Behandlungen auf möglichst billige Weise durchzuführen. «Somit hat dieses System eine Tendenz zu billiger Medizin.»

Adé Fallpauschalen, hallo Klinik-Level

Nach den Vorschlägen einer Regierungskommission zur Krankenhausversorgung sollen die Kliniken stattdessen in Zukunft nach drei neuen Kriterien honoriert werden: Vorhalteleistungen, Versorgungsstufen und Leistungsgruppen. Unter anderem sollen für das Vorhalten von Personal, einer Notaufnahme oder notwendiger Medizintechnik feste Beträge fließen.

Anders als heute sollen Krankenhäuser zudem in drei konkrete Level eingeordnet und entsprechend gefördert werden. So soll es Kliniken zur Grundversorgung geben - zum Beispiel für grundlegende chirurgische Eingriffe und Notfälle. Andere Häuser sollen sich um die «Regel- und Schwerpunktversorgung» kümmern. Hier sollen weiteren Leistungen angeboten werden. Unikliniken gehörten als dritten Gruppe zu den Kliniken für die «Maximalversorgung». Für Lauterbach soll die geplante Reform in den kommenden Jahren einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden. Er nannte sie «eine Revolution im System».

Gesundheit first, auch auf dem Land

«Die Menschen können sich darauf verlassen, dass die Krankenhäuser, die wirklich gebraucht werden, zum Beispiel auch in ländlichen Gebieten und in den Stadtteilen, wo es wenig Versorgung gibt, dass diese Krankenhäuser auch überleben können, ohne dass sie immer mehr Fälle behandeln müssen», sagte Lauterbach. Wenn ein Patient künftig behandelt werde, «kann er sicher sein, dass ökonomische Aspekte keine dominierende Rolle spielen.»

Der Koordinator der Regierungskommission, der langjährige Chefarzt einer Berliner Klinik, Tom Bschor, warnte, «dass die Krankenhausversorgung kollabieren wird mit katastrophalen Konsequenzen, wenn wir jetzt nicht grundlegend reformieren». So müsse die «Überversorgung» in bestimmten Bereichen und die «Unterversorgung» beispielsweise aktuell in der Kinderheilkunde gestoppt werden. Lauterbach nannte die angespannte Situation in den Kinderkliniken «nur exemplarisch für das, was das Krankenhaussystem aktuell insgesamt erleidet».

Bschor mahnte, es gebe «schlicht nicht mehr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Behandlungen mit fragwürdiger Indikation durchzuführen». Lauterbach sagte: «Viele Pflegekräfte, aber auch viele Ärztinnen und Ärzte, sie verlassen die Krankenhäuser, weil sie diesen ökonomischen Druck nicht ertragen wollen.» Bschor sagte: «So kann es nicht weitergehen.» Er verwies darauf, dass viele Babyboomer vor der Rente stünden. Der Personalbedarf in Kliniken mit ihrem 24-Stunden-Betrieb sei hoch. Mit dem Älterwerden der Gesellschaft seien mehr Patientinnen und Patienten zu erwarten.

Kritik und Lob für Lauterbachs Plan

Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) sieht in den Vorschlägen der Regierungskommission die Gefahr, dass die Qualität der medizinisch-technischen Versorgung leiden wird. »Neben dem Fokus auf die Strukturqualität brauchen wir gleichzeitig einen Fokus auf Ergebnis- und Prozessqualität – und das bereits in der ersten Umsetzungsphase«, so BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll. Das Problem der fehlenden Investitionsmittel, um die strukturellen Voraussetzungen für eine moderne technische Ausstattung der Krankenhäuser zu schaffen, bleibe ungelöst. »Die Medizintechnik-Branche bietet an, ihre Expertise für eine bessere Ergebnis- und Prozessqualität im anstehenden Reformprozess einzubringen«, so der BVMed.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft forderte ein Gesamtkonzept. »Das ständige Herauslösen von Einzellösungen bringt mehr Verwerfungen als Fortschritt im System«, sagte Vorstandschef Gerald Gaß den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Zuerst müsse die Finanzierungslücke bei Betriebs- und Investitionskosten der Kliniken geschlossen werden, ehe eine Umverteilung starte. Der Chef des Dachverbands der Betriebskrankenkassen, Franz Knieps, sagte: «Die Regierungskommission hat ein mutiges und interessantes Modell zur Neuordnung der Krankenhausfinanzierung vorgelegt.» (uh)


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