Compamed 2021

Von Pandemieerfolgen bis Lieferengpässe

18. Oktober 2021, 11:00 Uhr | Messe Düsseldorf
Real oder digital? Das bleibt auch für die kommende Medica/Compamed die Gretchenfrage
Rund 500 Aussteller sind auf dem Weg zurück zur Normalität in Düsseldorf mit dabei
© Messe Düsseldorf

Diese Themen sorgen auf der Compamed 2021 für Gesprächsstoff

Nachdem die Compamed, die internationale Leitveranstaltung für die Zulieferer der Medizintechnik, im vergangenen Jahr pandemiebedingt nur digital durchgeführt werden konnte, findet sie vom 15. bis zum 18. November in fester Parallelität zur weltführenden Medizinesse Medica wieder im Präsenzformat auf dem Düsseldorfer Messegelände statt. Fast 500 Ausstelleranmeldungen belegen das hohe Interesse der medizintechnischen Zulieferer, einen großen Schritt in Richtung Normalität zu gehen.

Dem hybriden Veranstaltungskonzept folgend werden wesentliche Programmbestandteile mit jeweils passendem Ticket sowohl in Präsenz als auch online als Livestream angeboten. Im Gegensatz zu früheren Jahren findet die Compamed diesmal in den Hallen 13 und 14 (und nicht in den Hallen 8a und 8b) statt.

Lieferengpässe auch in der Medizintechnik

Abgesehen von der allgegenwärtigen Covid-19-Pandemie sorgen auch ihre Folgen für Gesprächsstoff: »Durch die Auswirkungen der Coronakrise sind Lieferengpässe entstanden: Die Einstellung von Flügen und Transport auf dem Seeweg hat - vor allem bei Elektronik-Produkten - zu großen Lieferengpässen geführt. In der Krise wurden diese dann auch durch `Hamstern´ befeuert. Unternehmen haben vorsichtshalber mehr Komponenten gekauft und gelagert als notwendig – aus Angst in eine Versorgungslücke zu geraten«, erklärt Dr. Dietrich Thomas R. Dietrich, CEO des IVAM Fachverbandes für Mikrotechnik. Rohstoffe und einzelne Komponenten seien auch knapp geworden, weil die Industrie sich schneller erholt habe, als viele Lieferanten zunächst erwartet hatten. Das werde sich aber in Kürze wieder regulieren.

Computerchips wurden in der Krise knapp, weil gerade Medizintechnik-Hersteller plötzlich einen sehr viel höheren Bedarf hatten. Dr. Meinrad Lugan, Vorstandsvorsitzender des BVMed, relativierte kürzlich die Situation: Es habe in vielen Bereichen kein Mengen-, sondern ein Verteilungsproblem gegeben. Lugan konstatiert, es habe eine »Tendenz zu massiven Über- und Mehrfachbestellungen« gegeben. Den daraus entstehenden Lieferengpässen sollte »mit smarten digitalen Lösungen auf der Grundlage bestehender eStandards« entgegnet werden.

Nach Auffassung des IVAM sei eine Internationalisierung der Wirtschaft trotzdem sinnvoll, denn die globalen Lieferketten ließen sich nicht aufhalten und das sei auch nicht zielführend. Europäische Hersteller bräuchten, um wettbewerbsfähig bleiben zu können, die Möglichkeiten der preisgünstigeren Produktion in anderen Ländern. Diese Länder benötigten wiederum die europäischen Kunden, um ihre eigene Wirtschaft am Laufen zu halten. Es sollte laut des IVAM jedoch lokale Lieferketten für kritische Komponenten geben – insbesondere für sensible Produkte, die wichtig für die Grundversorgung der Gesamtbevölkerung zum Beispiel im Bereich Gesundheit sind.

MDR sorgt unverändert für erheblichen Wirbel

Ein anderes Thema hat ebenfalls große Unruhe in der Branche ausgelöst: Seit dem 26. Mai 2021 sind die neue europäische Medical Device Regulation (MDR) ebenso wie die ebenfalls neue Verordnung über In-vitro-Diagnostika (IVDR) in Kraft getreten. Nach einer Umfrage des Software-Unternehmens Climedo Health halten 81 Prozent der befragten 115 Firmen aus ganz Europa die MDR noch immer für sehr herausfordernd. Zu den größten Klippen zählen ein erhöhter Ressourcen- und Kostenaufwand, fehlende Klarheit und erforderliche klinische Prüfungen. 31 Prozent schätzen, dass durch die MDR zusätzliche Kosten von fünf bis zehn Prozent des Jahresumsatzes anfallen; 13 Prozent glauben sogar, dass es mehr als ein Zehntel des Umsatzes sind.

Auch in anderen Punkten ist die Unzufriedenheit der Unternehmen mit Brüssel groß: 75 Prozent wünschen sich klarere Vorgaben von der EU-Kommission, 50 Prozent mehr fachliche Unterstützung und 30 Prozent Trainings- beziehungsweise Informationsveranstaltungen. »Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die EU-MDR weiterhin sehr herausfordernd, teuer und zeitaufwändig für Unternehmen ist«, so Veronika Schweighart, Mitglied der Geschäftsführung bei Climedo Health.

Auch die IVDR erhöht den Aufwand: Neben neuen Produkten sind zudem alle bereits auf dem Markt befindlichen, zugelassenen Produkte einer neuen Zertifizierung entsprechend der Verordnung zu unterziehen. Zudem müssen sich die Benannten Stellen einem Neubenennungsverfahren stellen, das derzeit noch nicht abgeschlossen ist. Ferner umfasst die IVDR einen weiteren Geltungsbereich als die bisherige Richtlinie und bringt in vielen Bereichen höhere und auch neue Anforderungen für die Unternehmen und Überwachungseinrichtungen mit sich. 

Additive Fertigung für patientenindividuelle Implantate

Ein spannendes Thema bleiben auch Additive Fertigung und Robotik in der Medizintechnik. Die Toolcraft AG sieht sich selbst als Vorreiter in zukunftsweisenden Technologien wie der Additiven Fertigung und dem Bau von individuellen Roboterzellen. Als Partner für Komplettlösungen bietet das Unternehmen die gesamte Prozesskette von der Idee über die Fertigung bis zum qualifizierten Präzisionsbauteil in der Additiven Fertigung, der Zerspanung sowie dem Spritzguss, der Funkenerosion und des Formenbaus.

Im Bereich Robotik werden maßgeschneiderte, komplett programmierte Integrationslösungen umgesetzt. Daniel Distler und Patrick Meyer (Bereichsleiter Robotik beziehungsweise Leiter Technischer Vertrieb bei Toolcraft) berufen sich in ihrem Vortrag (am 15.11.) beim Compamed Suppliers Forum auf das Wissen aus über 30 Jahren Industrieerfahrung und gehen auf die Vorteile der Additiven Fertigung anhand unterschiedlichster Anwendungsfälle für die Medizintechnik ein. Beispielsweise fertigt die Toolcraft AG patientenindividuelle Implantate additiv. Darüber hinaus entwickelte das mittelständische Unternehmen eine automatisierte Komplettlösung zur Herstellung und Verpackung eines Cerumenfilters für Hörgeräte (Schutz vor Verschmutzungen durch Ohrenschmalz und Feuchtigkeit).

Holger Frank, Geschäftsführer von Mechatronic, hat das Thema »IoT in der Medizintechnik – Potentiale am Beispiel des AED« gewählt für seinen Forumvortrag (ebenfalls am 15.11.). Das Kürzel AED steht für Automatisierter externer Defibrillator, ein tragbares medizinisches Gerät, das auch von Menschen ohne medizinische Ausbildung eingesetzt werden kann. »Für die zukünftige Entwicklung wichtiger IT Technologien gehen 80 Prozent aller Befragten davon aus, dass das Internet der Dinge eine wichtige Rolle spielen wird – so eine Studie von PwC«, erklärt Frank. Mechatronic liefert wichtige Geräte für IoT-Entwicklungen im medizinischen Umfeld, die die Kommunikation zwischen Gerät und Cloud übernehmen.

Grundsätzlich sind zwei Lösungen möglich: Gerät und Kommunikation in einem System integriert oder in getrennten Einheiten. Ein wichtiger Faktor bei allen Versionen ist die Frage, nach welcher Funk-Norm sie zertifiziert werden müssen. Diese sind unterschiedlich in Europa und den USA und weisen zusätzlich nationale Abweichungen auf. Große Länder wie China, Russland oder Kanada haben zudem eigene Normen. Mechatronic plädiert nachdrücklich für AEDs, die täglich einen Selbsttest ausführen, und hat entsprechende Hardware entwickelt, um den Testzustand via Cloud-Lösung überwachen zu lassen. Hintergrund dafür ist, dass rund 30 Prozent der Geräte im öffentlichen Raum nicht funktionieren, weil Wartung und Service nicht stimmen. 


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