Hidden Champion goes Medical

»Jeder OP ist voll mit Schaeffler-Technik«

8. Dezember 2022, 13:00 Uhr | Ute Häußler
Ein weltweit tätiger Zulieferer für Lager und Antriebstechnik in der Industrie und Automobilbranche will jetzt das Unternehmen in der Sparte Medizintechnik stark ausbauen.
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Schaeffler beliefert hautpsächlich Autobauer. Jetzt stärkt der Zulieferer für Antriebstechnik seine Medical-Sparte. Ralf Moseberg, Leiter Industrial Automation spricht über die strategische Ausrichtung sowie technische und regulatorische Medizintechnik-Trends.

Herr Moseberg, Schaeffler ist für viele ein klassischer Automobil-zulieferer. Welche Komponenten bieten Sie für die Medizintechnik und wo kommen diese zum Einsatz?

Ralf Moseberg: Wir sind schon viele Jahrzehnte in der Medizintechnik unterwegs, insbesondere sind Schaeffler-Komponenten in der bildgebenden Diagnostik wie C-Bögen, Röntgenröhren und Computertomografen vertreten. Führende Gerätehersteller setzen beispielsweise für eine hohe Scan-Qualität auf unsere sehr leisen CT-Lager und Antriebe, hier liefern wir seit Jahren in Serie.

Ralf Moseberg von Schaeffler
Ralf Moseberg von Schaeffler
© Schaeffler

Im OP finden sich Rotativ-Lagerungen, Bremsen und Antriebe von Schaeffler in vielen Deckenversorgungen, insbesondere zur Positionierung. Wo Linear- oder Rotativ-Führungen im Einsatz sind, treffen Sie fast immer auf unsere Motoren, Getriebe oder auch komplette kinematische Subsysteme; rein mechanisch oder mechatronisch. Das reicht von Patientenliegen oder Zahnarztstühlen bis zu medizinischen Robotersystemen. Einfach ausgedrückt: Überall wo Bewegung von Patienten, Gerät, Proben oder Pharmazeutika angesagt ist, treffen Sie auf Produkte von uns. In fast jedem Operationssaal steckt jede Menge Technik von Schaeffler.

Welchen Stellenwert hat Medical im Schaeffler-Konzern?

Die Medizintechnik ist für uns ein strategisches Wachstumsfeld. Wir liefern seit Jahren in den Bereich und haben viele langjährige Kundenbeziehungen. Angesiedelt in der industriellen Automatisierung wollen wir unser MedTech-Geschäft stark ausbauen, auch die Medizintechnik wird ja immer automatisierter. Gerade bei CT- und anderen Bewegungssystemen steigt die Produktivität und der Kostendruck. Hier setzt etwa unser Fahrsystem für Computertomografen an, mit dem CT-Systeme schnell von einem Raum in den anderen transportiert werden können. Solche Systeme bauen wir für mehrere der führenden CT-Hersteller, sie erhöhen den Patientendurchsatz und die Behandlungseffizienz, z. B. nach einem Schlaganfall, wo es auf jede Minute ankommt. Derzeit ist die Medizintechnik unser drittgrößter Sektor innerhalb der Sparte Industrial Automation. Mit seinen starken Wachstumsraten wollen wir ihn zu einer Hauptsäule des Schaeffler-Konzerns ausbauen.

Zitat von Ralf Moseberg, Schaeffler
Zitat von Ralf Moseberg, Schaeffler
© Schaeffler

Welche Trends sehen Sie durch Technologie und Digitalisierung und wie begegnen Sie den neuen MedTech-Anforderungen?

Die Automatisierung verändert auch die Medizintechnik grundlegend. Kriterien wie Auslastung, Durchsatz und Stückzahlen nehmen bereits jetzt Einfluss auf das Produktdesign. Wir kennen diese Anforderungen aus der Industrie und haben das entsprechende Know-how. Davon kann jetzt die Medizintechnik profitieren. Ein zweiter wichtiger Punkt ist der regulatorische Druck, der weiter zunimmt. Wir können hier mit viel Erfahrung aus der Medizintechnik, aber auch mit Expertise aus anderen sensiblen Branchen wie der Bahntechnik oder der Luftfahrt punkten. Es geht ja nicht nur um Effizienz, sondern um Qualität und Sicherheit. Zudem erfahren wir gerade einen Wandel von analogen Antriebstechnologien wie der Pneumatik hin zur Elektromechanik bzw. Mechatronik. Da geht es vor allem um Effizienz und die flexible, wartungsfreie Steuerung, beispielsweise von Deckensystemen.

Wie profitieren medizintechnische Entwickler von der modularen Bauweise ihrer Komponenten?

Unsere Medizintechnik-Produkte basieren alle auf Standardbaukästen, die lineare und rotative Produktlösungen enthalten. Notwendige Kundenanforderungen und Adaptierungen können wir dank der Baukästen und des medizintechnischen Know-hows sehr schnell umsetzen. Zudem sind dadurch auch Funktionsmuster rasch realisierbar. Die Zusatzpakete wie Dichtungen und Schmierstoffe erstellen wir analog, auch diese sind in Baukästen aufgebaut. Der Kunde bekommt also in kurzer Zeit eine anwendungsspezifische Lösung konfektioniert und kann folgend auch von Skaleneffekten profitieren. Wir entwickeln die Baukästen permanent weiter und lernen dabei auch von der Vielfalt der Anforderungen aus der Industrie. Dazu kommt, dass die Baukästen vorgetestet sowie vorzertifiziert sind und es eine Dokumentation nach den benötigten Medizinstandards gibt.
 
Wie unterstützt Schaeffler die Zertifizierung und wie gehen Sie mit der MDR um?

Wir sehen uns als Partner im Entwicklungsprozess. Zur normalen Dokumentation unserer Produkte unterstützen wir unsere Kunden auch bei der Erstellung ihrer eigenen Entwicklungsdokumentation. FMEAs und DVPs erstellen wir beispielweise in gemeinsamen Projektteams. Versuche und Berechnungen machen und dokumentieren wir entsprechend des DVP. Wir haben ganz oft Audits zur Prozesszertifizierung im Haus, sowohl von Kundenseite wie auch extern, das ist ein gewohntes Metier. Somit können wir die an uns gestellten Anforderungen der MDR bestens abdecken.

Welche Entwicklungen kommen auf den Medizintechnik-Markt in den nächsten Jahren zu und wie agieren Sie als Zulieferer?

Die Automatisierung oder sogar Autonomisierung wird sich in den nächsten Jahren auf jeden Fall verstärken, insbesondere in Richtung robotergestützter Assistenzsysteme und dem autonomen Einrichten und Umrüsten von OP-Umgebungen für verschiedene Patienten und Behandlungen. Schaeffler beteiligt sich entsprechend an vielen Forschungsprojekten, wo immer es um Bewegung und Antriebe geht. Der Hybrid-OP wird das Thema der nächsten Jahre. Analog zur Industrie ist die Automatisierung nicht aufzuhalten. Der Mensch wird in der Medizin aber immer im Mittelpunkt stehen. Ein medizinischer Roboter ist kein Ersatz, sondern dient der Sicherheit und entlastet Ärzte. Infolge der notwendigen Effizienzsteigerungen wird auch das One-Stop-Treatment an Bedeutung gewinnen, also die Diagnose und die erste Behandlung in nur einem Termin.

Den steigenden regulatorischen Druck verfolgen wir dabei sehr intensiv, auch um darauf basierend neue Produkte zu entwickeln oder Validierungen für Kunden umzusetzen.
 
Ein weiteres wichtiges Thema wird die Supply Chain bleiben. Da verschiebt sich gerade sehr viel und wir sehen weitere Konsolidierungstendenzen. Gefragt sind vor allem langfristige, global agierende Partner, die aber eine lokale Verfügbarkeit in der Wertschöpfungskette bereitstellen. Hier sind wir als Schaeffler natürlich sehr gut aufgestellt.

Kooperative Entwicklung mit Siemens Healthcare

In einem Jahr zur Serie – für einen Computertomografen von Siemens Healthcare hat Schaeffler gemeinsam mit dem Medizingeräte-OEM das Fahrsystem entwickelt, von dem fränkischen Unternehmen kam dabei das gesamte mechatronische Antriebssystem. Dieses umfasst das Schienensystem, die Bodenbaugruppe, die Antriebstechnik, die Kabelsäule sowie die Deckenkassette, in der auch alle erforderlichen Versorgungs-leitungen für den Computertomografen nachgeführt werden. Auch die Antriebselektronik für das Schienensystem stammt von Schaeffler. »Die Entwicklung haben wir innerhalb eines Jahres abgeschlossen«, sagt Ralf Moseberg. Die schnelle Umsetzung sei nur möglich gewesen, »weil wir auf einen intelligent zusammengestellten Baukasten aus Komponenten und Subsystemen zurückgreifen können.« Derzeit sind 1.600 Varianten der »Sliding Gantry« verfügbar, um das System an das einzelne Gerät sowie das jeweilige Klinikgebäude anpassen zu können. Das heißt umgekehrt: Jedes Fahrsystem stellt ein Einzelstück dar.

 


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