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Notfallmedizin

Der fliegende Defibrillator

15. Juni 2021, 14:30 Uhr   |  medical design

Der fliegende Defibrillator
© AdobeStock.co/Andy Dean

Drohne mit medizinischem Equipment (Symbolbild)

Wie Apps und Drohnen die Notfallmedizin ergänzen

Nach dem Zusammenbruch des dänischen Fußballspielers Christian Eriksen am Samstag beim EM-Vorrundenspiel gegen Finnland sitzt der Schock bei vielen tief. Der Mittelfeldspieler erlitt einen Herzstillstand, wurde reanimiert und ist nun laut Experten in stabilem Zustand. Doch viele Menschen überleben einen Herzstillstand nicht.

Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Kölns, spricht von mindestens 70.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an plötzlichem Herzversagen sterben – vermutlich seien es aber noch deutlich mehr. Als Todesursache sei »der plötzliche Herz-Kreislaufstillstand fast so häufig wie alle Krebserkrankungen zusammen«, sagte Böttiger der Deutschen Presse-Agentur. Er ist sicher: Wüssten alle Menschen, wie Wiederbelebung funktioniert, »könnten wir jedes Jahr zusätzlich 10.000 Menschenleben bei uns retten«.

Im Ernstfall: Prüfen, rufen und drücken

Doch was ist zu tun, wenn das Herz nicht mehr schlägt? Im Ernstfall zählt jede Sekunde, betont Böttiger. Schließlich werde dann kein Blut mehr durch den Körper gepumpt, dass die Organe mit Sauerstoff versorgt. Am sensibelsten reagiere das Gehirn auf Sauerstoffmangel. »Ohne Sauerstoff stirbt das Gehirn nach drei bis fünf Minuten.« Und so schnell sei meist der Notarzt nicht da.

Wenn man bei einem Menschen einen plötzlichen Herzstillstand erlebe, seien drei Schritte entscheidend: prüfen, rufen, drücken. Zunächst müsse geprüft werden, ob die hilfsbedürftige Person bewusstlos ist und nicht oder nicht normal atme. Dann gelte es, Hilfe zu rufen – am besten über den Notruf 112. Danach könne eine schnelle, effektive Herzdruckmassage, Leben retten. »Je später die beginne, desto geringer die Überlebenschancen«, sagt Böttiger.

Wichtig sei, die Herzdruckmassage möglichst ununterbrochen durchzuführen, um von außen die Pumpfunktion des Herzens aufrecht zu erhalten, bis der Rettungsdienst eintrifft. Mit beiden Händen müsse man in der Mitte des Brustkorbs fünf bis sechs Zentimeter tief drücken – 100 bis 120 Mal in der Minute. Orientierung könne der Takt vieler bekannter Lieder geben – etwa »Stayin` alive« von den Bee Gees oder «Atemlos» von Helene Fischer.

Berlin schockt: Wo ist der Defibrillator?

Wenn mehrere Menschen vor Ort Erste Hilfe leisten könnten, sei es sinnvoll, sich abzuwechseln. Wenn noch eine Person übrig sei, kann die sich nach einem Defibrillator umsehen. Und das ist leichter gesagt als getan. Dieses Dilemma spiegelt sich auch in den tatsächlichen Einsätzen der Geräte wider. Denn trotz steigender Anzahl kommen öffentlich zugängliche Defibrillatoren relativ selten zum Einsatz. Das liege vor allem daran, dass Passanten nicht wüssten, wo die Geräte hängen und wie man sie benutzt, sagen Kardiologen.

Abhilfe schafft hier – zumindest in Berlin – das Projekt »Berlin schockt«. Die Initiative erfasst Laiendefibrillatoren (AED-Geräte) in ganz Berlin. In der gleichnamigen App wird das nächste verfügbare Gerät anzeigt, der aktuelle Standort geortet und ein Notruf absetzt. Erste-Hilfe-Anweisungen gibt die App außerdem und hilft so, die Zeit bis zum Eintreffen der professionellen Rettungskräfte zu überbrücken. 

Die kostenfreie App steht allen Berlinerinnen und Berlinern bereits seit 2015 im Google Play Store und im iTunes Store zur Verfügung. »Mit der Registirerung der AED-Geräte im Großraum Berlin können wir die Notfallversorgung durch Laien bei plötzlichem Herzversagen verbessern«, erklärt die Initiative auf ihrer Homepage. Gleichzeitig wolle man so die Bereitschaft zur Soforthilfe insgesamt erhöhen und über Erste Hilfe im Herznotfall informieren.

Drohne bringt Defibrillator zum Rettungseinsatz

Gibt es keinen AED vor Ort, könnte der Defibrillator über eine Drohne zum Ersthelfenden gebracht werden, damit dieser die Reanimation bei einem Patienten mit Herzstillstand vor Eintreffen der Rettungskräfte beginnen kann. Die Defi-Drohne könnte auch die helfende Person unterstützen. In einer randomisierten Studie zeigten beispielsweise US-Wissenschaftler, dass durch solche Defi-Drohnen ein Zeitgewinn gegenüber einer bodengebundenen AED-Suche entsteht. Bis zu drei Minuten schneller hatten die Testpersonen den Defibrillator in den simulierten Notfallsituationen zur Hand, wenn dieser über eine Drohne gebracht wurde, als wenn sie vor Ort nach einem stationär angebrachten AED gesucht haben.

Ist dieses Szenario auch für Deutschland realistisch? Ja, sagen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universitätsmedizin Greifswald und der DRF Luftrettung. Sie sind davon überzeugt und haben ein entsprechendes Pilotprojekt ins Leben gerufen. Denn auch hierzulande gibt es gering besiedelte Regionen, wo die mobile Vorhaltung eines AED-Netzwerkes Vorteile gegenüber der stationären Anbringung bietet. 

Testflüge in Penkun und Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sollen zeigen, ob dieses Konzept funktioniert und welcher Organisationsaufwand damit verbunden ist. Die DRF Luftrettung unterstützt bei den Erprobungen vor Ort und stellt nach Auswertung der Simulationsflüge mit den Drohnen die Berechnungsalgorithmen zur Verfügung. Anhand dieser kann kalkuliert werden, wann es sinnvoll ist, den Defibrillator luft- oder bodengebunden zur Einsatzstelle zu bringen: Der Transport mithilfe einer Drohne ist unter Umständen nicht nur wesentlich schneller, sondern auch kostengünstiger als der Transport mit dem Rettungswagen oder Rettungshubschrauber.

(dpa/me)

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Quellen

[1] V. Schimbert: Warum Defibrillator-Drohnen die Notfallrettung verbessern können (Ärzteblatt 12. Oktober 2020), https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Warum-Defibrillator-Drohnen-die-Notfallrettung-verbessern-koennen-413589.html (Stand: 15. Juni 2021)

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